Wer hätte das gedacht! Nach fast 2 Jahren weltweiter COVID bedingter Zwangswettkampfpause für uns Hobbyläufer hat es die SCC EVENTS GmbH geschafft und unter dem Motto #restartrunning den 47. BMW Berlin Marathon als ersten großen Volksmarathon seit Beginn der Pandemie durchgezogen.

Das Hygienekonzept (3G, wobei als Test nur ein vor Ort durchzuführender PCR Test anerkannt wurde) wurde bereits im August beim Berliner Halbmarathon erfolgreich getestet und damit stand nun dem 47. Berlin Marathon nichts mehr im Wege. Im gesamten Start- und Zielbereich herrschte Maskenpflicht, nach überqueren der Startlinie konnte diese abgelegt werden. Später im Ziel wurden frische Masken verteilt, und zwar noch vor der Medaille.

Mit 23.097 Finishern waren knapp 21.000 Läufer weniger im Ziel als 2019. Auch die Zahl der Meldungen war gegenüber 2019 entsprechend gering und es stellt sich die Frage, ob die Veranstaltung überhaupt noch kostendeckend durchgeführt werden konnte. Der Stimmung tat dies allerdings keinen Abbruch. Im Gegenteil: durch die geringere Teilnehmerzahl ging es im Start- und Zielbereich durchaus entspannter zu und die Schlangen waren nach Aussage früherer Teilnehmer spürbar kürzer. Jedenfalls war die Freude über die erfolgreiche Wiederbelebung des Laufsports jedem einzelnen Teilnehmer unübersehbar in’s Gesicht geschrieben… zumindest vor dem Lauf.

Auch von der HSG machten sich mit Astrid, Patrick und mir 3 Mitglieder auf den Weg in die Hauptstadt.
Astrid und ich reisten erst am Samstag an (so wie Patrick am Freitag klimafreundlich mit dem Zug) und hatten in einem Motel gegenüber der Gedächtniskirche eingecheckt. Der kurze Weg vom Bahnhof Zoo zum Hotel führte uns am Zoopalast vorbei, einem der wohl bedeutendsten Kinos in der deutschen Geschichte. Dort warf auch schon das nächste langersehnte, da durch Pandemie mehrfach verschobene, Großereignis seinen Schatten voraus: die Premiere des neuen James Bond „Keine Zeit zu sterben“. Daher wunderte es nicht, dass die Einrichtung unseres Hotels das Thema „Kino“ hatte. Überall hingen Bilder von bekannten deutschen Schauspielern an den Wänden oder standen Filmkameras und andere Requisiten aus vergangenen Tagen zur Dekoration. Ein sehr stimmungsvolles Ambiente.

Nachdem wir uns kurz frischgemacht hatten, ging es schnurstracks zur Startnummernausgabe auf der Expo im alten Flughafen Tempelhof. Dort trafen wir auf einen alten Bekannten… nein, nicht Patrick, sondern Jan Fitschen, ehemaliger Europameister über 10.000 m und Co-Kommentator des Marathons, der uns mit Kenia-Armbändern und einem gelungenen Gruppen Selfie beglückte. Die Zusammenführung der HSG Läufer auf der Expo missglückte leider und so verabredeten wir uns mit Patrick für den nächsten Morgen im Bereich der Kleiderabgabe auf dem Gelände vor dem Reichstagsgebäude.

Raceday (meine persönliche Erfahrung)

Endlich fanden wir 3 HSGler wie verabredet zusammen, dem obligatorischen Gruppenfoto vor dem Lauf stand also nichts mehr im Wege. Wir wünschten uns viel Glück und dann trennten sich unsere Wege auch schon in die verschiedenen Startblöcke.

Ich startete aus Block E heraus, da ich unter 3h30m laufen wollte. Patrick und Astrid jeweils einen Block weiter hinten. Die Maskenpflicht im gesamten Start- und Zielbereich habe ich persönlich nicht als besonders störend empfunden, jedenfalls ein Preis, den ich gerne bezahlt habe, um an der Startlinie stehen zu dürfen. Und so ging es wohl auch allen anderen Läufern und Läuferinnen. Überhaupt war die Stimmung im Block phänomenal, die Sonne strahlte vom blauen Himmel und spiegelte sich im bronzenen Glanz der Viktoria. Auf Großleinwänden konnten die ersten Kilometer der Eliteläufer live mitverfolgt werden. Die Spitzengruppe um Kenenisa Bekele war mit einem irren Tempo gestartet und bis zur HM Marke tatsächlich auf Weltrekord Kurs.

Und dann endlich: der so lange ersehnte Startschuss fiel jUnsere Finisher mit Blick auf das Bundeskanzleramt (Foto: Patrick Schumacher)etzt auch für unseren Block und voller Glückshormone konnten wir endlich der Pandemie davonlaufen in Richtung Brandenburger Tor.
Aufgrund der vielen Mitstreiter ergab sich zunächst eine Art Slalom-Lauf und es dauerte ca. 2 Km, bis ich besser in den Rhythmus kam. Die Sonne zeigte sich von ihrer besten Seite und strahlte unbarmherzig auf uns Läufer herab und die breiten Straßen zu Beginn der Strecke boten keinerlei Schutz. Nach 5 Km spürte ich die steigenden Temperaturen und meine Schweißproduktion war mittlerweile in vollem Gange. Aber ich lag gut in der Zeit. Ich lief konzentriert weiter, immer die Uhr im Blick, um bloß nicht zu überpacen. Ab und zu konnte ich den Blick schweifen lassen und die Berliner Sehenswürdigkeiten entlang der Strecke bewundern. Das Publikum war überall präsent und feuerte die Läuferschar vehement und ohne Nachlass an. So wünscht man es sich als Läufer!

Bei Km 15 ca. merkte ich, dass das Halten der Pace bereits mit größerer Anstrengung verbunden war und erste Gedanken drangen langsam in mein Bewusstsein vor, dass ich vielleicht vom Gas gehen sollte. Ich beschloss jedoch, bis zur HM Marke weiterzulaufen und dann eine neue Bewertung der Situation vorzunehmen.
Dort angekommen musste ich einsehen, dass mit der angestrebten Zeit heute nichts wird, ich reduzierte meine Pace um gute 10 Sekunden/Km.
Und dann, kurz vor Km 25: Feierabend, Schicht im Schacht, finito, rien ne va plus… erstmals musste ich eine Gehpause einlegen. Der GAU war eingetreten. War das jetzt der Mann mit dem Hammer? So früh? Ich habe doch noch fast die Hälfte vor mir? Wie soll das jetzt weitergehen? Eben noch Berlin und jetzt auf einmal Waterloo...ich haderte mit mir selber, was hier denn jetzt schief gelaufen ist… habe ich zu wenig trainiert? Oder zuviel? Sicherlich war es warm, aber zu warm?

Es kam mir vor, als hätte dieser sagenumwobene Kerl nicht nur einen Hammer sondern ganze fünf mit denen er wild um sich schlug… Jetzt bräuchte es Superkräfte, so wie die eines James Bond, der es locker mit dem fünfarmigen Hammermann hätte aufnehmen können. Da kam mir plötzlich der neue Bond Film wieder in den Sinn. „Keine Zeit zu sterben“, hämmerte ich mir ein, „Jetzt ist nicht die Zeit dazu, raff Dich auf, bring das Ding zu Ende, egal in welcher Zeit!“

Was folgte, waren 17 schmerzende Kilometer, immer wieder von Gehpausen durchzogen. Neben James Bond hatte ich die Unterstützung der zahlreichen Zuschauer, wie auch meine Leidensgenossen, denn ich war nicht das einzige Opfer der Hammerkrake. Selbst die Elite musste auf der 2. Hälfte Federn lassen und entfernte sich Schritt für Schritt vom erhofften Weltrekord. Viele Zuschauer riefen unsere Namen und motivierten uns, die letzten Kilometer auch noch durchzuhalten. An den wilden Eber habe ich jedoch keine Erinnerung, zu sehr war ich in dieser Phase mit mir selbst beschäftigt.
Und als ich dann auf die Straße „Unter den Linden“ einbog und plötzlich in der Ferne das Brandenburger Tor erschien, gab es fast kein Halten mehr. Da mobilisiert man die letzten paar Glukosemoleküle und die ganze Schinderei ist plötzlich vergessen. Dann das Durchlaufen des Brandenburger Tores… sensationell! … und schließlich der Zieleinlauf: einfach unbeschreiblich!!!

Auf der grünen Wiese vor dem Reichstag wartete ich erschöpft auf Patrick und Astrid, die kurze Zeit später das Ziel erreichten. Diesmal klappte es mit unserer Wiedervereinigung auf Anhieb! Das alkoholfreie Bier floss nun in Strömen und wir stellten fest, dass wir alle Drei läuferisch nicht unseren besten Tag erwischt hatten. Während wir das schöne Wetter genossen, kehrten zumindest ein paar der auf der Strecke gebliebenen Lebensgeister in unsere Beine zurück. Schließlich trennten sich unsere Wege wieder, da Patrick aus Termingründen noch am selben Abend die Heimreise antreten musste. Astrid und ich blieben noch eine weitere Nacht und verfolgten am Abend mit letzter Kraft die ersten Prognosen der Bundestagswahl.

Die Enttäuschung über das nicht erreichte Zeitziel wich dann doch ziemlich schnell der Freude über das lange erhoffte Ende der pandemischen Laufabstinenz; für uns war Berlin diese Reise damit auf alle Fälle wert!!

 

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